Sergej E. Werschinin
 
Ungleichzeitigkeit   und Heimat in der postsowjetischen russischen Gesellschaft
 
Der Prozess des Übergangs von der sowjetischen in die post-sowjetische Gesellschaft, von vielen Experten in Russland als Katastrophe, von Beobachtern außerhalb Russlands als Transformation bezeichnet, ist einzigartig in der modernen Weltgeschichte, sowohl in seiner Tiefe als auch in seinem Ausmaß des sozialen Wandels. Somit erfordert diese besondere historische Situation spezifische Konzepte und Methoden ihrer Analyse.
 
Von diesem Standpunkt aus gewinnt die von Bloch in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelte Theorie der Ungleichzeitigkeit, die einen hohen Stellenwert in seinen philosophisch-soziologischen Anschauungen einnimmt, neue Aktualität. War für Bloch der Begriff der Ungleichzeitigkeit ein Ansatz zur Erklärung der Popularität des Nationalsozialismus in Deutschland, so kann man ihn hier für die Analyse der Entwicklung der postsowjetischen russischen Gesellschaft anwenden.
 
1.     Die Ungleichzeitigkeit Russlands und der Welt
 
Die Problematik der Ungleichzeitigkeit tritt immer bei der Erörterung des Charakters der Entwicklung einer Gesellschaft und Kultur im Vergleich mit anderen Gesellschaften und Kulturen auf. Die traditionelle historische und methodologische Dichotomie, die entweder von einem linearen oder einem geschlossen-zyklischen Charakter der Entwicklung ausgeht, wird hier zugunsten des linearen Modells der Entwicklung gelöst; denn in der Tat konzentriert sich eine geschlossene isolierte Gesellschaft nur auf ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Werte und Zyklen der Entwicklung und vergleicht sie nicht mit den Werten und Zyklen der Entwicklung anderer Gesellschaften. Im linearen Modell sind Vergangenheit und Zukunft mit dem Ausgang auf eine Hauptrichtung (mainstream) der globalen geschichtlichen Entwicklung verbunden. Über die Richtung der Entwicklung – sei es die kapitalistische oder die kommunistische – gab es im gesamten 20. Jahrhundert harte ideologische Auseinandersetzungen.

Die sowjetische Ideologie verkündete den Sozialismus (und perspektivisch auch den Kommunismus) als die progressivste Art der Gesellschaft, d. h. als ein in die Zukunft gerichtetes und sich teilweise schon dort befindendes System. Demzufolge befanden sich die anderen Teile der Welt in diesem zeitlichen Koordinatensystem noch in der Vergangenheit, das bedeutete: Die Gegenwart kapitalistischer Länder war bereits Vergangenheit in Bezug auf die Gegenwart sozialistischer Länder. Auf diese Weise konstruierte die sowjetische Ideologie eine positive Ungleichzeitigkeit als Tatsache, woraus die welthistorische Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus resultiere.
 
Es ist interessant festzustellen, dass alle Phasen des Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR, von den 1920-er Jahren bis in die 1960-er Jahre, von dem Motto „Den Westen einholen und überholen!“ begleitet wurden, was darauf hinweist, dass die Idee der Ungleichzeitigkeit in der Situation des Wettbewerbs beider Systeme integriert war und als Anstoß für die Mobilisierung der Bevölkerung diente, im weltweiten Wettlauf der Ambitionen erfolgreich zu sein. Die Propaganda baute auf der ständigen Wiederholung der „Vorteile des Sozialismus“ auf, die es erlaubte, die objektive Statistik der wirtschaftlichen Indikatoren, die oft nicht zu Gunsten der UdSSR sprachen, mit der Zuversicht zu verbinden, dass bessere ökonomische Ergebnisse nicht lange auf sich warten lassen werden.
 
Diese Interpretation der „temporären Verzögerung“ und der zukünftigen Dominanz festigte die gesellschaftlichen Vorstellungen von der Zuverlässigkeit und Produktivität des sowjetischen Sonderwegs und, was besonders wichtig ist, von seiner beispiellosen historischen Innovation. Die Logik dieser Überzeugung war folgende: Wenn der sowjetische Weg absolut experimentell ist, heißt das, man kann diesen Weg nicht mit anderen sozialen Systemen und ebenfalls auch nicht dem den Errungenschaften der Zivilisation, die es in der UdSSR nicht gab, vergleichen.
 
Die mobilisierende Rolle der Idee über den innovativen Weg der UdSSR ist kaum zu überschätzen. Sie diente als wichtigster Regulator der sozialen Beziehungen, erlaubte es, menschliche und natürliche Ressourcen grenzenlos zu verschwenden und die Erfüllung der normalen menschlichen Wünsche in eine ungewisse Zukunft zu verschieben. Die Stärke des Einflusses auf die Vorstellung, der Sowjetunion gehöre bereits die Zukunft, war außerordentlich groß; die Avantgarde-Position der sowjetischen Gesellschaft konnte jedoch nicht beschrieben und verifiziert werden, da konkrete Indizien fehlten. Bis Ende der 1960-er Jahre gab es offiziell nicht nur keinen Vergleich mit der westlichen Welt in Bezug auf technischen Fortschritt und andere Errungenschaften der Zivilisation (Erziehung, Wissenschaft, Alltagsleben, städtische Infrastruktur, Verkehr), sondern, was hier noch wichtiger ist, auch keine Nachfrage von Seiten der Öffentlichkeit.
 
Die erste Veränderung dieser Situation brachte das Jahr 1968  - mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tchechoslowakei[1]. Die zweite, weitaus ernstere Veränderung erfolgte im Jahr 1991. Russland begab sich auf den Weg des Kapitalismus, doch was sind 25 Jahre neuer russischer Kapitalismus im Vergleich zur jahrhundertelangen Geschichte des Kapitalismus in den europäischen Ländern und den USA?
Als Folge erscheint die Gegenwart Russlands als Vergangenheit im Verhältnis zur Gegenwart moderner westlicher Länder. Der sogenannte „nachholende Typ der Entwicklung“ der russischen postsowjetischen Gesellschaft hat dazu geführt, dass es seit den 1990er-Jahren in einem kontinuierlichen Streit der politischen und wirtschaftlichen Eliten und in intellektuellen Kreisen darum geht, welches Modell des Kapitalismus in Russland angewendet werden soll – das skandinavische, deutsche, amerikanische etc. Hinter all diesen Debatten verbirgt sich ein Interpretationskonflikt  über die neue – jedoch bereits negative Ungleichzeitigkeit – des modernen Russland, wobei sowohl die politische Tatsache des westlichen Sieges im Kalten Krieg als auch die objektive Unreife der russischen Marktwirtschaft mitschwingt.
 
Diese negative Ungleichzeitigkeit erlebt die Mehrheit der russischen Bevölkerung als kollektives Trauma, gleichzeitig stellt sie eine Herausforderung für die politischen Eliten dar: Wie und auf welche Weise kann diese negative Ungleichzeitigkeit überwunden werden? Nach westlichem Vorbild oder über einen russischen Sonderweg?
 
2. Die Entwicklung des Konzepts der Ungleichzeitigkeit für die russischen Gesellschaft – Nischengesellschaft und Provokativität
 
Die Verallgemeinerung der Ideen Blochs über Ungleichzeitigkeit, d.h. die Erweiterung dieses Konzepts auf alle Lebensbereiche der Gesellschaft, lässt den Schluss zu, Ungleichzeitigkeit als Asynchronität und Nicht-Gegenwart des Funktionierens und der Entwicklung bestimmter sozialer Gruppen, Kulturen und einzelner Individuen im Verhältnis zueinander als grundlegende Eigenschaft des sozialen Lebens jeder Gesellschaft zu betrachten. Ungleichzeitigkeit zeigt sich in der Beibehaltung bestimmter (überholender oder zurückbleibender) Produktionsweisen, politischer und kultureller Traditionen, in der Beibehaltung einer bestimmten Weise der Weltanschauung, die nicht mit anderen – dominanten – Weisen der Produktion, mit anderen Arten des politischen und kulturellen Verhaltens und Denkens zusammenfallen.
 
Auf diese Weise kann man Ungleichzeitigkeit in nominalistischen und holistischen Dimensionen betrachten. In der nominalistischen Betrachtungsweise sind Verlauf und Ereignisse des inneren und äußeren Lebens junger und älterer Menschen, seien es Männer oder Frauen, ungleichzeitig. Ungleichzeitig sind z.B. Bauern mit ihrer Orientierung auf die mit landwirtschaftlichen Arbeiten verbundene Zeit im Vergleich mit Arbeitern und Angestellten in großen Industriestädten, die in einer ganz anderen sozialen und persönlichen Zeit leben.  In der holistischen Betrachtungsweise  ungleichzeitig sind verschiedene religiöse Traditionen mit ihren eigenen Systemen der Zeitrechnung ebenso wie mit ihren spezifischen Kulten und Ritualen. Ungleichzeitig sind verschiedene Gesellschaften und Kulturen, die im Rahmen bestimmter historischer Epochen koexistieren.
 
2.1. Nischengesellschaft
 
Die Problematik der Ungleichzeitigkeiten kann nicht nur in der zeitlichen, sondern auch in der sozial-räumlichen Dimension formuliert werden. Dies kann mit Hilfe des Konzepts der „sozialen Nische“ geschehen.[2]
 
Das Konzept der „sozialen Nische“ kann als Gesamtheit der sozialen Bedingungen und ihrer semantischen Interpretationen vom Standpunkt bestimmter sozialer Gruppen aus definiert werden. Nische ist ein synthetisches Konzept, in dem sich die verschiedenen Elemente des sozialen Umfelds, der ethnischen Subkultur, der national-kulturellen Autonomie und der religiösen Tradition etc. vereinigen lassen. Indem man bestimmte Aspekte der Bedingungen und Bedeutungen hervorhebt, lassen sich eine Vielzahl von Nischen markieren: produktive, kulturelle, ideologische, religiöse, rekreative u.a. In diesen Bedeutungen steht der Begriff „Nische“ den Begriffen „Ghetto“ und „Ort der kompakten Unterbringung“ usw. nahe, schließt jedoch die subjektive Interpretation der Teilnehmer ein.
 
Mit dem Konzept der „sozialen Nischen“ ist es möglich, die Tendenz der sogenannten „Atomisierung“ der post-sowjetischen Gesellschaft zu präzisieren.
Wenn man in Bezug auf die Charakterisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen die Metapher „Atomisierung“ als genügend heuristisch bezeichnen kann, wie lässt sich dann der Bruch oder das Fehlen intensiver sozialer Beziehungen zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, die Vertiefung ihrer Isolation und Autonomie benennen?
 
Meines Erachtens erlaubt der Begriff der Nische nicht nur den Begriff der „sozio-kulturellen Distanz“ zwischen den verschiedenen Gruppen der einheimischen Bevölkerung zu konkretisieren, sondern auch den zwischen der einheimischen Bevölkerung und Migranten. Zumal es auch möglich ist, den Begriff der Nische breiter zu verwenden, z.B. zur Charakterisierung der Sozialstruktur einer Gesellschaft. Während die traditionellen Modelle der „Pyramide“ oder der „Zwiebel“ – mit ihren entsprechenden flachen Begriffen wie Kreis oder Schicht – die Struktur einer Gesellschaft nur ungefähr widerspiegeln, könnte ein Puzzle-Modell der Gesellschaft als die Gesamtheit verschiedener Nischen in einzigartiger Weise konstruiert werden, womit der Begriff „Nischengesellschaft“ aus der Theorie des Totalitarismus in die Soziologie einginge.
 
Als Folge ergäbe sich die Möglichkeit, die Dynamik der Ungleichzeitigkeit verschiedener sozialer (u. a. ethnischer) Gruppen in bestimmte Phasen zu unterteilen. Für die Analyse der Existenz von Migranten in den aufnehmenden Gesellschaften kann man z. B. folgende Schemata vorschlagen:
1.     Eine Parallelgesellschaft, die als volle Verkörperung der sozialen Ungleichheit und Autonomisierung anzusehen ist.
2.     Die Nischengesellschaft, in der es schon eine teilweise Inklusion in die wichtigsten Lebensbereiche der aufnehmenden Gesellschaft gibt.
3.     Die integrierte Gesellschaft als ideelle Variante, die jedoch ihren Orientierungspunkt bewahren kann.
2.2. Das  Provokante der Ungleichzeitigkeit
 
Synchrone Koexistenz verschiedener, objektiv und subjektiv ungleichzeitiger Tendenzen bedeutet, dass im gesellschaftlichen Leben – sowohl auf der Ebene des Gesamtstaates als auch seiner Regionen – durch die verschiedenen sozialen und ethnischen Gruppen eine bestimmte objektive Provokativität vorhanden ist.
Die als Folge der sozialen Kontakte (Individuen, Gruppen, Kulturen) mit anderen entstehende Interaktion führt zu einer Empfindung und einer bestimmten Interpretation der objektiv bestehenden sozialen Distanz, als Ergebnis eines unterschiedlichen Verständnisses und Erlebens der Gegenwart. Diese Interpretation kann eine Vielzahl von Formen annehmen, einschließlich die Form der Schlussfolgerung einiger Teilnehmer über ein provokantes Verhalten (Ideen, Wünsche) anderer Teilnehmer.
 
Dieses Problem des Verhältnisses des Lokalen und Globalen, des Zentrums und der Provinz, entstand im Zusammenhang mit den Prozessen der Modernisierung von Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Das Paradigma der Modernisierung verlangte besondere theoretische Bemühungen, und so erschienen das Konzept des Cultural Lag von W. Ogburn, das Konzept der Herausforderung und Antwort von A. Toynbee in seinem fundamentalen Werk «A Study of History», das Konzept der zwei Arten von Werten bei R. Inglehart und Ch. Welzel[3].
 
Der Ton der Deutung des Phänomens Provokation war in der sowjetischen Literatur traditionell alarmistisch. Das Sowjetische Enzyklopädische Wörterbuch gab zum Beispiel folgende Definition: „Provokation – 1) Anstiftung, Veranlassung div. Einzelpersonen, Gruppen, Organisationen usw. zu Handlungen, die schwere Konsequenzen nach sich ziehen. 2) die verräterischen Aktionen, die von Agenten der Polizei und reaktionären Parteien, auf die Diskreditierung und letztlich auf die Zerschlagung der progressiven, revolutionären Organisationen gerichtet wurden“[4].
 
Die von uns angebotene ontologische Deutung überträgt das Phänomen der Provokation aus dem Bereich der psychologischen Merkmale der verschiedenen Formen der kommunikativen Interaktion auf den sozialen Bereich und ermöglicht, den provokativen Charakter der Ungleichzeitigkeit in Zeiten der Krise und in Zeiten der stabilen Entwicklung der Gesellschaft vorzustellen. Ein Beispiel ist die maschinelle Produktion als Provokation gegenüber der Handarbeit, die Industrialisierung in den Städten als Provokation gegenüber dem Dorf, das schnelle Wirtschaftswachstum in einigen Regionen als Provokation gegenüber anderen, weniger entwickelten Regionen und Republiken.
 
Die provokative Ungleichzeitigkeit kann auf das Verhalten verschiedener ethnischer Gruppen angewandt werden. Sie erlaubt, die innere Seite des Prozesses, die in der Regel als ungleichmäßige Entwicklung der Nationen, Kulturen usw. bezeichnet wird, zu fixieren. Verschiedene Phänomene, die in interethnischen Beziehungen entstehen, können so besser erklärt werden. Ein Beispiel ist die massenhafte Einwanderung von Juden in den 1920er Jahren in die verschiedenen Strukturen der neuen sowjetischen Gesellschaft, die sich nicht erklärt aus einer angeblichen Verschwörung des Zionismus, sondern durch die Tatsache, dass die traditionelle jüdische Kultur Individualismus und Unternehmertum förderte. Diese Anlagen erwiesen sich als hilfreich in der neuen Gesellschaft, aber für das Massenbewusstsein anderer ethnischer Gruppen konnte solch aktives Verhalten sich als provokant darstellen. Heute ist die Wahrnehmung der verschiedenen ethnischen Gruppen in der russischen öffentlichen Meinung ähnlich. Auch für das heutige Deutschland kann diese These Aktualität beanspruchen: Verschiedene Migrantengruppen verhalten sich gemäß ihren Sitten und Bräuchen, was im Vergleich mit den Standards des deutschen Alltagslebens oft als provokativ wahrgenommen werden kann.
 
Unserer Meinung nach ist die soziale Provokation nicht nur und nicht in erster Linie eine willkürliche oder konjunkturbedingte Zuschreibung bestimmter Motivationen mit dem Ziel, die politische und ideologische Situation zum eigenen Vorteil  zu lösen. Vielmehr soll über eigenartige soziokulturelle Interpretationen des Gruppen- und Individualbewusstseins der Tatsache der Nichtübereinstimmung der Rhythmen des sozialen Lebens Rechnung getragen werden. Damit verliert das Phänomen der Provokation seinen voluntaristisch-politisierenden, dämonisierenden Charakter und verwandelt sich in eine ontologische Eigenschaft jeder interkulturellen Interaktion. Und selbst eine politische Provokation ist nur ein Spiegelbild der real existierenden Ungleichzeitigkeit und der Schwierigkeiten mit ihrem Verständnis.
 
Vor diesem Hintergrund werden die Positionen einiger politischer Kräfte in Russland verständlicher. So heißt es z.B. im Programm der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation: „Mit Betrug und Gewalt wurde das Land zurück in den Kapitalismus befördert. Es ist der Weg des sozialen Rückschritts, der zur nationalen Katastrophe, dem Untergang unserer Zivilisation führt“[5]. Diese These ist eine direkte Illustration des subjektiv nicht gleichzeitigen Widerspruchs bei E. Bloch – die gestaute Wut und eine unterschwellige Ablehnung der Gegenwart.[6]
 
Beachtet man allgemeine soziale Eigenschaften, so ist die Rückkehr der asiatischen Republiken der ehemaligen UdSSR in den 1990-er Jahren zu einer Praxis der Verwaltung und des Lebens, die von den Forschern als „feudal“ qualifiziert wird, bemerkenswert.[7] Aber auch wenn man sich dem heutigen Russland zuwendet, fällt auf, dass hier ebenfalls Elemente zu beobachten sind, die, unter Zugrundelegung der historischen europäischen Skala, dem Feudalismus zugeordnet werden können.
 
Zunächst handelt es sich um das Prinzip der persönlichen Abhängigkeit in allen wichtigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, um die Macht des militärisch dienenden Standes,  um die starre ständische Struktur, die sich in der Beschränkung der vertikalen sozialen Mobilität manifestiert, um außerökonomische Formen des Zwangs zur Arbeit.[8]
 
Bei aller Relativität solcher Merkmale kann man feststellen, dass sich die russische Gesellschaft, betrachtet man Trends und Akzente der Entwicklung, als zerrissene herausstellt: einerseits die Versuche der Modernisierung aller Lebensbereiche und der Übergang zur demokratischen Gesellschaft – eine in die Zukunft gerichtete Tendenz; andererseits die Herrschaft des Willens eines hochrangigen Beamten über das Gesetz, den Schwerpunkt legend auf persönliche Hingabe, nicht auf Professionalität, die Übertragung der Macht im Zentrum und in den Regionen an ausgewählte Erben – die Wiedergeburt der Traditionen der Vergangenheit.
 
Die Rückgriff auf den Begriff „Provokation“ in seiner ursprünglichen Bedeutung (lat. provocatio – Herausforderung) erlaubt die Darstellung des Prozesses der Entwicklung oder der Gesamtheit des sozialen Wandels als kontinuierliche Reihe von provokativen Ereignissen. Dazu müssen die verschiedenen strategischen Initiativen politischer Bewegungen und regionaler Eliten entsprechend wissenschaftliche ausgewertet werden. Es wird sich zeigen, dass Massenphobien, nationalistische und verschwörerische Psychosen sich als Spiegelbild einer objektiven Situation erweisen, die entsprechende Reaktionen erfordern.
 
3. Die symbolische Sphäre: Ungleichzeitigkeit des russischen Bildes der „Heimat“
 
Mit dem Begriff „Heimat“ beschreibt man ein äußerst aufnahmefähiges, ein synthetisches Bild, das verschiedene Komponenten – wirtschaftliche, politische, ideologische, ästhetische, emotionale – zusammenführt. Die Präsenz des Heimat-Bildes ist eine der notwendigen Bedingungen für die Orientierung des einzelnen oder einer Gruppe von Individuen im sozialen Raum und der sozialen Zeit. Dies ist eine wesentliche Komponente der persönlichen Identität oder der Gruppenidentität als vermittelndes Glied bei der Interaktion mit der umgebenden Gesellschaft und ihren Gruppen.
 
Dieses Bild ist von vornherein widersprüchlich: Einerseits ist es an den Ort und Raum der Geburt gebunden und hängt nicht von unseren Wünschen ab. Diese Verbundenheit zeigt sich auch in der Einzigartigkeit des Erlebens der Phasen einer Biographie. Und wenn Heimat Raum-Zeit-Kontinuum der Kindheit und Jugend ist, so bringt das Bewusstsein der Einzigartigkeit der persönlichen Geschichte, in Zusammenhang mit irgendeinem Ort (bei all ihrer Ähnlichkeit mit anderen Biographien), ein starkes emotionales Gefühle hervor, das bei positivem Charakter das Fundament der patriotischen Weltsicht wird. Dieser Umstand bindet das Bild der Heimat an eine tatsächlich bestehende (oder vergangene) konkret-historische Situation und bestimmt die Einzigartigkeit der Heimat.

In diesem Sinne ist im Rahmen der traditionellen bzw. der politisch isolierten, hier der sowjetischen, Gesellschaft, keine „neue“ Heimat möglich. Nimmt man noch eine ideologische Argumentation hinzu, bekommt man die sowjetische Variante der Konstruktion von Heimat.
 
Andererseits spiegelt dieses Bild der Heimat die gewünschte Situation, die Projektion der Wünsche und Interessen (sowohl intime als auch öffentliche) und kann daher viele verschiedene Formen annehmen, die des Elternhauses, der Landschaft, der „ideellen Staat“, einer bestimmte Kultur usw. Die innere Widersprüchlichkeit des Bildes „Heimat“ erklärt sowohl einige Eigenschaften des Massenverhaltens der Menschen (Auswanderungswellen in verschiedenen Perioden der Geschichte in den meisten Ländern der Welt), als auch eine Strategie der ideologischen Manipulierung der Massen.

3.1. Das Bild der sowjetischen Heimat 
                          

In den UdSSR geschah die Zusammenstellung der verschiedenen Merkmale der Heimat zu einem Bild, das die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aller Bürger dieses Staates vereinigen sollte. Die wirtschaftlichen, politischen, kulturellen, ideologischen Seiten der Heimat wurden als Überschneidung von Geschichte und Geographie in eins zusammengebunden. Dieses synthetische Bild sollte nicht nur räumliche, sondern auch die zeitliche Merkmale enthalten. Es wurde eine Synchronisation, eine Art des „sozialen Zusammenklangs“ vorgenommen, legitimiert mittels einer einzigen Heimat und mittels spezifischer Metaphern, die diese Einheit verkörpern, z.B. der „Mutter-Heimat“[9] oder der Uhr auf dem Spasski-Turm des Moskauer Kremls . Im Rahmen eines solchen Bildes wurde die soziale Ordnung der Triumph der Gleichzeitigkeit und die Ungleichzeitigkeit assoziierte man mit sozialem Chaos. Die offizielle Gleichzeitigkeit erlangte die vorherrschende Bedeutung, während für die Ungleichzeitigkeit im öffentlichen Bewusstsein die Rolle des Reliktes aus der Vergangenheit blieb, eines Museumsexponats, eine touristische Sehenswürdigkeit, das aber keine mögliche Bedingung für soziales Leben ist.
Jedoch untergraben die real existierenden Probleme allmählich diese Ganzheitlichkeit der sowjetischen Heimat.
 
Vor allem vergrößerte sich die Kluft zwischen dem offiziellen Bild der Großen Heimat und dem Alltag der kleinen Heimat, in der die Mehrheit der Bevölkerung der ehemaligen UdSSR sich befand. Unbefriedigende Lebensbedingungen „unten“ entsprachen nicht dem Bild der Gesellschaft von oben und riefen Reaktionen in Form von innerer und äußerer Emigration, Dissidententum, Kriminalität usw. hervor.
 
Die Distanzierung vom offiziellen Bild der Großen Heimat und die in den Jahren der Sowjetmacht entstandene Tradition der „Ortlosigkeit“ (besmestnost)[10], führten zur Notwendigkeit der Konstruktion eines eigenen Bilds von Heimat und dessen alltägliche Umsetzung durch Individuen oder Gruppen. Küche, Wohnung, Haus, Promenaden, Tourismus ins Grüne, Sommerurlaub, ein Kreis von Gleichgesinnten – das sind typische Versuche eines Selbstaufbaus („samostroya“) von Patriotismus in der sowjetischen Zeit.
 
Die Notwendigkeit individueller Bemühungen zur Schaffung eines eigenen komfortablen Lebensbereichs, oft nach dem Prinzip des „Dagegen“ – gegen die herrschende Ideologie, die Moral, den allgemein akzeptierten Geschmack, nationale Traditionen – ist zur Gewohnheit geworden. Darüber hinaus wurden Merkmale einer neuen nationalen Tradition erworben: der inneren Emigration.
Diese innere Emigration konnte sich kulturell, politisch und in anderer Weise äußern, aber es handelte sich immer um Deviation von der offiziellen Kultur oder um eine Konfrontation mit ihr. Eine sehr häufig beobachtbare Form einer solchen inneren Emigration war das Studium von Fremdsprachen, die Leidenschaft für die ausländische Musik usw. Als ein Beispiel aus der jüngsten sowjetischen Geschichte kann die Beschreibung der 1960er Jahre von P. Weill und A. Genis dienen: „In den frühen 60er Jahren wurde der am weitesten fortgeschrittene Teil der sowjetischen Jugend von der Idee ‚Amerika‘ erfasst, ohne dass die Staatsgrenze überquert wurde. Die sogenannten ‚Staatler‘ (‚Statniki‘) – Menschen, die ihre ganze Liebe einem fremden Land schenkten, waren in Russland als faszinierte Amerikaanhänger präsent. Ohne die Möglichkeit, die Kontinente zu wechseln, bauten sie sich ihr Amerika direkt in Moskau“[11].
 
Eine der wesentlichen Fragen ist hier die nach der „Heimat der Heimat“, das ist die Frage nach dem Ursprung und der Entstehungsgeschichte der wichtigsten Qualitäten von Heimat, die Suche nach dem Urprinzip (religiös oder säkular), nach primären Ereignissen (Kampf, Revolution, ein Wunder, die Entstehung des nationalen Alphabets und der Sprache usw.).
 
3.2. Der Zerfall des Bildes der sowjetischen Heimat

Der Prozess der Transformation der sozialistischen Gesellschaft, beginnend in den 1980er Jahren, bedeutete die allmähliche Zerstörung des Bildes der Heimat. Der Verfall der einheitlichen Heimat passierte vor allem objektiv (Zerfall der Sowjetunion). Eine solche objektive Umorientierung bedeutete die volle Umkehrung der wichtigsten Merkmale der Welt- und Gesellschaftsbilder: statt der atheistischen UdSSR ein orthodoxes Russland, statt Altruismus und Kollektivismus Egoismus, statt eines relativ gleichen wirtschaftlichen Niveaus Reichtum in den Händen der Oligarchen usw. Zusammen mit der Tatsache der Relativierung moralischer Werte wurde der politische Separatismus stärker – in unserem Fall als Verkündung von verschiedenen politischen Vereinigungen, vor allem nationalen. Einher damit ging die eigene historische und soziologische Interpretation der Geschichte und des Bildes des Heimatlandes, wie zu sehen an den Entwicklungen in Tatarstan, Tschetschenien, an der Geschichte der Bewegung der Russlanddeutschen usw.. So entstand eine erste Segmentierung der sowjetischen Heimat durch die Regionalisierung der Geschichte auf ethnischen Grundlagen.
 
Aber auch innerhalb der ethnisch homogenen Bevölkerung gab es parallel ähnliche Prozesse. In Übereinstimmung mit den neuen Orientierungen der persönlichen Identität und der Gruppenidentität, begann das Bild der Heimat im Massenbewusstsein in eine Reihe von Segmenten zu zerfallen. Wahrscheinlich kann man von der Entstehung von Trends und Kristallisationen in mehrere Segmente sprechen:

1. Die wirtschaftliche Heimat: Sie ist ein „Ort“ der effektiven wirtschaftlichen Tätigkeit, der den gewünschten Lebensstandard sichert. Dieser Ort kann eine Vielzahl von Formen annehmen: eine Bank, ein Unternehmen, schließlich nur Geld. Es kann sich um bestimmte Staaten mit ihren nationalen wirtschaftlichen Besonderheiten (z.B. USA, BRD, Israel usw.) handeln oder, in allgemeinerer Form, eine bestimmte Gesellschaftsformation (traditionell, kapitalistisch oder sozialistisch). Hinter dieser Suche steckt, mit zunehmender Tendenz, die Absicht, die wirtschaftliche Heimat nicht nur mit Wohlstand zu verbinden, sondern mit der Tatsache, die Grundlage für diesen Wohlstand, das Eigentum, den Besitz eines bestimmten Eigentums (Kapital), sichern zu können. In der sowjetischen Periode hatte der Begriff der Heimat seine wirtschaftlichen Eigenschaften weitgehend verloren, weil das Schwergewicht auf den politisch-ideologischen Merkmalen lag.
 
2. Die politische Heimat: Sie ist der wirkliche oder imaginäre politische Raum, der die Beachtung – sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft – dieser oder jener realen oder erwünschten Menschenrechte, der Rechte ethnischer oder beruflicher Gruppen gewährleistet. Dieses Bild ist ein ständiger Gegenstand des politischen Kampfes: Die Diskussion über ein Modell des zukünftigen Russlands – zwischen den politischen Strömungen, den Parteien im Parlament, während der Wahlen der Oberhäupter der Regionen und Republiken – zeigen die Vielfalt der Modelle gewünschter politischer Heimat. Hier erreicht die ursprüngliche Spannung zwischen einer realen und einer imaginären Heimat ihren Höhepunkt und verkörpert sich in zahlreichen antinomischen Vergleichen (gedemütigt – groß, geplündert – blühend etc.). Dabei ändern sich die Wege zur Lösung von Spannungen. So wurde in den 1990er Jahren die Vorstellung populär, dass eine neue politische Heimat nicht im Zentrum, sondern in den Regionen beginnen muss – ein Beispiel ist der Versuch der Gestaltung einer sogenannten „Ural-Republik“. Die Beziehung zwischen Zentrum und der Region wurde umgedreht: „Ein starker Ural – ein starkes Russland“. In den Jahren 2000 bis 2015 zeigt sich wiederum die andere Tendenz: „ Ein starkes Zentrum – ein starkes Russland“.
 
3. Die ideologische Heimat: Es sind unterschiedliche philosophische und soziologische Konzepte, Ideen, Slogans, die ein gewünschtes Idealbild der Gesellschaft darstellen. Gerade hier verkörpert sich das Modell der imaginären Heimat mit einer Fülle konkreter Merkmale und imperativer Kriterien. Die Entstehung einer Reihe von Ideologemen wurde nicht nur Mittel der Interpretation der heutigen Ereignisse, sondern auch Zufluchtsort für viele enttäuschte Individuen und Gruppen. Die rasche soziale und politische Differenzierung der postsowjetischen Gesellschaft zwang Individuen und Gruppen, verschiedene ideologische Heimaten und somit einen bestimmten ideologischen Komfort zu suchen.
 
4. Die kulturell-historische Heimat: Sie ist Ort und Zeit in der Geschichte der Menschheit, der weltlichen und nationalen Kultur, die den ästhetischen und kulturellen Vorlieben eines Individuums oder einer Gruppe entspricht. Die Möglichkeiten der Wahl einer solchen kulturell-historischen Heimat sind zahlreich. Jedoch war eines der häufigsten Motive in der öffentlichen Meinung der russischen Bevölkerung die Hinwendung zur Vergangenheit Russlands bis 1917. „Das Russland, das wir verloren haben“ sollte der wichtigste Bezugspunkt für die Gestaltung der Zukunft des post-sowjetischen Russlands sein, und seine „Wiedergeburt“ – eine der wichtigsten Parolen des neuen Heimat-Baus.
 
5. Die natürliche („ökologische“) Heimat: Der ständig sich verschlechternde Zustand der Umwelt untergrub die tiefere Verbindung des Individuums mit der Heimat. Die früher und heute bestehende Verbundenheit mit dem Ort der Geburt, der Kindheit, des Wohnens, das Bild der Heimat als Landschaft, gelobt von Künstlern und Schriftstellern in vorigen Jahrhunderten, wird am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zum Anachronismus. Die Degradierung der Natur verringert den Raum für komfortables Leben: Wie kann man den vergifteten Boden bearbeiten, die verschmutzte Luft atmen, in den toten Seen schwimmen? Russische radioaktive Birken wurden zum Symbol des Abschieds von der früheren, der sowjetischen Heimat. Aber es ist auch ein Abschied von der Heimat-Natur? Die Versuche der Rettung der Heimat beginnen oft mit einer Veränderung des Verhältnisses zur Natur, einer Ökologisierung der Politik und des politischen Denkens.
 
Natürlich handelt es sich bei den ausgewählten Segmenten um ideale Modelle, die sich in reiner Form nicht manifestieren. Aber in der post-sowjetischen Zeit beginnen diese Segmente als unabhängig voneinander zu existieren und in verschiedenen Kombinationen sich zu vereinigen. So kann man die russische Kultur der 19. Jahrhunderts lieben, sich in Richtung Schweden als ökonomisches Muster und als möglichen Wohnort orientieren, die intakte Natur irgendwo im Norden Russlands bewundern, das gegenwärtige politische Regime verachten und sich in den sowjetischen 1960-er Jahren verkapseln[12].
 
3.3. Die Aufbau des Bildes eines neuen postsowjetischen Russlands

Diese Tendenz wurde deutlich in der Zeit der Perestroika, als die massenhafte (Re-)Konstruktion der neu-alten Heimat begann. Der Abriss der Denkmäler, die Umbenennung von Straßen und Städten, die Ausrufung der Unabhängigkeit der ehemaligen sowjetischen Republiken – alles Zeichen des Prozesses des „Heimat-Bauens“, der aus dem privaten Untergrund in den öffentlichen Raum kam.
Ein positiver Aspekt in diesem Prozess war die Aufhebung der statisch-sakralen Merkmale der Großen Heimat, was diesem Bild mehr Dynamik und Subjektivität verlieh. Jedoch führte die Inhomogenität des Bildes bei Liberalen, Konservativen, Kommunisten und anderen sozialen Gruppen zu dessen signifikanter Schwächung und Relativierung, und zwar nicht nur innerhalb der Gegenwart, sondern auch im Verhältnis zu Vergangenheit und Zukunft.
 
Die oben genannten Segmente des Bildes der großen und kleinen Heimat verändern sich aufgrund der Umbrüche in der Gegenwart, aber die Versuche der Synthese zu einem neuen ganzheitlichen Heimat-Bild sind überschaubar. Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen, aber man kann folgende Richtungen benennen:
 
Der erste Versuch besteht darin, eine besondere nationale Idee zu formulieren, um Vergleiche mit anderen Ländern zu vermeiden und wieder den Anspruch auf die historische Einzigartigkeit zu formulieren. Diese Aufgabe wurde noch vom ersten Präsidenten der Russischen Föderation, B. N. Jelzin, gestellt, aber bisher gibt es keine öffentlich anerkannte Konzeption. Der zweite Versuch besteht in der mächtigen religiösen Renaissance der russisch-orthodoxen Kirche. Was ist günstiger für heutige Russen: sich mit einem Land, in dem die Religion seit mindestens tausend Jahren existiert, zu identifizieren oder mit Land, in dem nur ein paar Dutzend Jahre Kapitalismus besteht?   Der dritte Versuch wäre die Wahl einiger sozialer Institutionen, die man zum Wichtigsten für Land und Staat erklärt. In unserem Fall ist die forcierte Modernisierung der russischen Armee ein anschauliches Beispiel.

Viertens handelt es sich um die Organisation von verschiedenen Event-Veranstaltungen. Die markantesten Beispiele sind die traditionelle Feier am 9. Mai sowie die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 .
Diese verschiedenen Richtungen werden mit Hilfe einer starken zentralisierten Politik und der Rückkehr der Ideologie in das gesellschaftliche Leben abgesichert.
 
4. Schlussfolgerung
Die Existenz des Phänomens der Ungleichzeitigkeit in fast allen Bereichen der Gesellschaft sollte bei der Erarbeitung politischer Strategien berücksichtigt werden. Für die neuen sozialen Technologien bedeutet das die Herausforderung, eine Konzeption „sozialer Rhythmologie“ zu entwickeln, die z. B. das Konzept der Zentralisierung und der Dezentralisierung ergänzen könnte. Gemein-Sinn in der Gesellschaft zu schaffen ist mitunter schwierig, aber in manchen Situationen könnte ein sozialer Rhythmus, unter Berücksichtigung des Raums und der Grenzen des Phänomens der Ungleichzeitigkeit, positiv wirken. Alle politischen und sozialen Aktionen, die im Zusammenhang mit der Schaffung, Transformation oder Zerstörung von bestimmten politischen, kulturellen, ideologischen Rhythmen stehen, müssen diesbezüglich ausgewertet werden. Mit anderen Worten, die Ungleichzeitigkeit, als ein besonderes Merkmal sozialer Ordnung, sollte Gegenstand der Analyse von Studien über die Prozesse der Transformation der postsowjetischen Gesellschaft sein.
 
Eine gemeinsame Aufgabe aller politischen Kräfte bleibt aber die Anerkennung des Phänomens der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeiten, der Respektierung des Rechts jeder Person und Gruppe auf Ungleichzeitigkeit der Existenz und der Entwicklung im Rahmen der Zivilgesellschaft. Die These von der Ungleichzeitigkeit hilft unseres Erachtens, der Idee einer (ausländischen) Verschwörung, die so beliebt in einigen Schichten der russischen Gesellschaft oder der sie vertretenden politischen Kräfte ist, zu widerstehen.
 
Literatur
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4.     Kordonsky S.: Soslownaja struktura postsowetskoj Rossis[Ständische Struktur des postsowjetischen Russland]. M., 2008.  216 S.
5.     Kosloswkij W.W., Fedotowa W.G. W poiskach sozialnoj garmonii [Auf der Suche nach soziale Harmonie]. Swerdlowsk, 1990. S. 90–110.
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7.     Programma KPRF [Programm der KPRF] // http://kprf.ru/party/program.
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10.   Sowetskij enzyklopeditscheskij slowar [Sowjetisches Enzyklopädisches Wörterbuch]. oskau, 1987. 1600 S.
11.   Subarewitsch  N. Vier Russland // Vedomosti, Nr. 3014, 30.12.2011// http://www.vedomosti.ru/opinion/articles/ 2011/12/30/chetyre_rossii
12.   Wahrig G. Deutsches Wörterbuch, München 1989.
13.   Weidenfeld W.,  K.-R. Korte, Wörterbuch zur deutschen Einheit, Bonn 1991.
14.   Weil P., Genis A.  60-r. Mir sowetskogo tscheloweka. [Die Welt  des sowjetischen Menschen]  .,1996. 432 S.
15.   Weil P., Genis A.  Interwenzija[Intervention] // Inostrannaja literatura[Ausländische Literatur]. 1991. N 2.
 
Sergej E. Werschinin Ungleichzeitigkeit   und Heimat in der postsowjetischen russischen Gesellschaft// Hans-Ernst Schiller (Hrsg.): Staat und Politik bei Ernst Bloch, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2016, S.171-185
 
 


[1]  Weil P., Genis A.  60-r. Mir sowetskogo tscheloweka. [Die Welt  des sowjetischen Menschen]  .,1996.
 
[2] Der Begriff „Nischengesellschaft“ entstand aus einer Analyse der DDR-Gesellschaft und bedeutete soviel wie die Umorientierung aus der Sphäre der öffentlichen Politik in die Sphäre der familialen und freundschaftlichen Beziehungen. Siehe W. Weidenfeld,  K.-R. Korte, Wörterbuch zur deutschen Einheit, Bonn 1991, SS. 106, 464, 579, 650.
 
[3] W. Ogburn („On Culture and Social Change“ von 1922) hat den Begriff „cultural lag“ eingeführt. In seinerTheorie der kulturellen Phasenverschiebung hat er zwei Aspekte der Kultur markiert: materielle und immaterielle. Immaterielle-adaptive Kultur ändert sich langsamer als materielle. Deshalb entstehen hier viele soziale Probleme. Siehe auch: Inglehart R., Welzel Ch. Modernization, Cultural Change, and Democracy. The Human Development Sequence. Cambridge University Press New York 2005. Politökonomen hatten auch einen wesentlichen Beitrag zu dieser Problematik geleistet: Siehe z.B. Alexander Gerschenkron, Economic Backwardness in Historical Perspective, 1962.

[4] Sowetskij enzyklopeditscheskij slowar [Sowjetisches Enzyklopädisches Wörterbuch]. Pod redakziej A.M. Prochorowa [Unter Redaktion von A.M. Prochorow]. oskwa,  Sowetskaja Enzyklopedija, 1987, S. 1063. Die deutschen Wörterbücher formulieren das etwas abgemildert, z.B. Wahrig, Deutsches Wörterbuch: provozieren - jemanden zu einer unbedachten Handlung veranlassen // Wahrig G. Deutsches Wörterbuch, München 1989, S. 1020.
 
[5] Programma KPRF [Programm der KPRF] // http://kprf.ru/party/program

[6] Bloch E.: Erbschaft dieser Zeit. Erweiterte Ausgabe. Suhrkamp Verlag, 1985. S. 117.

[7] .: P.Swoik. Vom Sozialismus zum Feudalismus. Die heutige kasachische Wirtschaft ist nicht fähig, die Mittelkasse zu formieren 10:12 22.04.2012 http://www.centrasia.ru/news A.php?st =1335075120

[8] Rjabow A. Wosroschdenije “feodalnoj “ Archaiki w sowremennoj Rossii: Praktika i Idei [Die Wiedergeburt der „feudalen“ Archaik im gegenwärtigen Rußland: Praxis und Ideen] // Arbeitsmaterialien. 2008, %u2116 4. S. 5-6 // http://carnegieendowment.org/files/ WP_4_ 2008. indd.pdf.   Schon  M. Woslenskij hat in seinem berühmten Buch „Nomenklatura. Der herrschende Klasse der Sowjetunion“ den Sozialismus in der UdSSR feudal genannt. Der zeitgenössische russische Soziologe Simon Kordonsky beweist überzeugend, dass die heutige russische Gesellschaft der sozialen Struktur nach ständisch ist. Siehe Kordonsky S.: Soslownaja struktura postsowetskoj Rossis[Ständische Struktur des postsowjetischen Russland]. M., 2008. 216 S.  Sieh auch: Achieser A.S. Archaisazija w rossijskom obschtschestwe kak metodologitscheskaja problema[Archaisierung in der russischen Gesellschaft als metodologisches Problem] // Obschtscherstwennye nauki i sowremennost [Gesellschaftliche Wissenschaften und Gegenwart] 2001 %u2116 2.  S. 89-100.
 
[9] Labirint. Journal sozialno-gumanitarnych issledowanij. 2015  %u2116 4. Simwol Rodiny-materi w rossijskoj culture: politika, semiotika, istorija [Labyrint. Zeitschrift der sozial-humanitären  Forschungen] //  http://journal-labirint.ru

 Sieh. auch: Sandomirskaja I. Kniga o Rodine. Opyt analisa diskursiwnych praktik [ Das Buch über Heimat. Die Erfahrung der Analyse der diskursiven Praktiken]. Wiener Slawistischer Almanach. Sonderband 50. Wien, 2001 - 280 S.

[10] Das Thema der Ortslosigkeit war Anfang 1990-er Jahre  populär - sieh., z.B.:  Glasytschew W.L.  Duch wremeni. Oswoboschdenije ducha [Geist des Ortes. Die Befreiung des Geistes]. .,1991. S. 138–167. Über die Suche nach “Heim” sieh: Kosloswkij W.W., Fedotowa W.G. W poiskach sozialnoj garmonii [Auf der Suche nach soziale Harmonie]. Swerdlowsk, 1990. S. 90–110

[11] Weil P., Genis A.  Interwenzija[Intervention] // Inostrannaja literatura[Ausländische Literatur]. 1991. N 2. S. 250; Sieh auch: Weil P., Genis A.  60-r. Mir sowetskogo tscheloweka. [Die Welt  des sowjetischen Menschen]  .,1996.
 
[12] Heimat kann eingestuft werden auch aus anderen Gründen. So zum Beispiel die bekannte russische Geographin N. Subarewitsch bot Schema der 4 Russland: erste Rußland ist 12 Metropolen mit einer Bevölkerung von über 1 Millionen Menschen, mit den Merkmalen der postindustriellen Gesellschaft, das zweite Russland - mittelgroße Industriestädte(von 20 bis 300 Td. Einwohner), mit der alte sowjetische Industrie, die Dritte - die kleine Städte, wo die Bevölkerung rettet sich durch die landwirtschaftliche Arbeiten, die vierte Russland - Republiken des Nord-Kaukasus und Süd-Sibirien (Tuwa, Altai), die ständige Zuschüsse aus dem Zentrum bekommen. Cm: N. Subarewitsch. Vier Russland // Vedomosti, Nr. 3014, 30.12.2011// http://www.vedomosti.ru/opinion/articles/ 2011/12/30/chetyre_rossii